Ankerpunktetreffen beim Quillo Ensemble

17.06.2024

Immer mehr Dörfer finden ihren "Anker" wieder

Kneipe und Konsum gibt es nicht mehr, die Kirchentiiren bleiben oft zu. Wo diese Begegnungsorte fehlen, kommt einem vierten „K" eine wichtige Rolle zu: Kultur.

 

FALKENHAGEN -  Auf der holperigen Dorfstraße von Falkenhagen, zehn Kilomneter nordwestlich von Prenzlau, rollen an diesem ganz normalen Vormittag Autos mit den Kennzeichen aller brandenburgischen Land-kreise. Sie haben alle ein Ziel: Hof Quillo. Ein alter Vierseithof, der seit 20 Jahren vorn Ensemble Quillo zu einem Kulturort im weitesten und besten Sinne entwickelt wird. Heute sind die .Quillos". wie sie sich selbst nennen. Gastgeber für Ak-teure aus Brandenburg, die Projekte, Initiativen und Einrichtungen vertreten, die mit ihren kulturellen Aktivitäten in ihren jeweiligen Regionen fest verankert sind - und die deshalb ganz offiziell als „Regionale kulturelle Ankerpunkte" vorn Land gefördert werden.

 

Damit setzt das Brandenburger Kulturministerium erstmals ein ganz auf die Kulturentwicklung im ländlichen Raum gerichtetes Förderprogramm um. Eine Enquete-Kommission hatte 2015 festgestellt, dass Begegnungsorte auf dein Land verloren gingen - Stichworte Konsum, Kneipe, Kirche - und regte die Schaffung, Stärkung und Vernetzung von soziokulturellen Angeboten und „neuer kultureller Ankerpunkte" an. Dieses Ziel fand sich im 2019 aus-gehandelten Koalitionsvertrag wieder.

 

Die erste Runde startete 2021 unter anderem mit dem Oderbruch Museum Altranft (Märkisch·Oderland) oder der Burg Beeskow mit dem Campus Kultur. Auch der Hof Quillo in der Uckermark war damals dabei. 2023 kamen sechs weitere Ankerpunkte dazu, darunter das Kanaltheater in Barnim oder die Havelländischen Musikfestspiele im Havelland. Dafür hat das Land seine jährliche Förderung von anfangs rund 1 auf 1.5 Millionen Euro im Haushalt 2023/24 erhöht. Die 80-prozentige Förderung durch das Land ist zunächst auf drei Jahre angelegt. mit der Option, bei Erfolg um weitere drei Jahre zu verlängern.

 

Wie wichtig eine langfristige Entwicklung und Durchhaltevermögen für den Erfolg und die Ausstrahlung eines Kulturortes auf dem Land sind, zeigt das Beispiel der Gastgeber auf dem Hof Quillo. Ursula Weiler, Musikerin, Kulturmanagerin und Künstlerische Leiterin des Ensempbles für zeitgenössische Musik, berichtet von den Anfängen 2004, vom Ausbau des Bauernhauses zu einen Konzerthaus, das heute Herz des Hofes Quillo ist, von der Landmusik an Schulen der Uckermark und Werkstätten mit Förderschulen des Landes, von Festivals und Touren mit einer mobilen Bühne durch Städte und Dörfer der Region.

 

Die Quillos haben aber auch „Ortsgepräche" mit ihren Nachbarn geführt, Bänke für Falkenhagen gebaut, laden einmal im Monat ins eintrittsfreie Kino und in den kommenden Tagen zum gemeinsamen Fußballgucken. Warum bin ich hier und wie platziere ich meine Arbeit im öffentlichen Raum", umreißt Ursula Weiler die für sie grundsätzlichen Fragen.

 

Trotz der zuverlässigen Basis durch die Landesförderung stehen die Ankerpunkte, die über „null bis drei" feste Stellen verfügen, vor ähnlichen Herausforderungen, wie fast alle ländlichen Projekte der Kultur und Soziokultur. Vieles wird im Ehrenamt umgesetzt, Beantragungen von Mitteln für kleinteilige Projekte gehen zu Lasten der eigentlichen Projektarbeit, für Öffentlichkeit und Lobbyarbeit fehlen Zeit und Personal, signalisieren die Ankerpunkt-Vertreter bei diesem, Workshop.

 

Das Kulturministerium will unterstützen, versichert Abteilungsleiterin Brigitte Faber-Schmidt, zum Beispiel mit einer zentralen Stelle für Social Media. Außerdem gab sie das für alle wichtige Signal: Die Finanzierung soll auch für die kommenden drei Jahre im Landeshaushalt gesichert werden.

 

Beitrag & Foto: © Birgit Bruck